Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie
und Musikermedizin e.V.
Die DGfMM wurde 1994 gegründet und beschäftigt sich mit den physiologischen, präventiven und medizinischen Aspekten des Musizierens
Gründung der DGfMM
Der Gründung der DGfMM 1994 ging eine Phase der Vorbereitung und Inhaltsklärung durch Prof. Dr. Christoph Wagner und Prof. Dr. Jochen Blum ab 1988 voraus.
Ziel war einerseits die Verbesserung musikphysiologischer und musikermedizinischer Kenntnisse, andererseits aber auch praktikabler medizinischer Hilfestellungen für Musikerinnen und Musiker.
Damit verbunden war auch eine Optimierung der Kommunikation jener, die sich an verschiedenen Orten in Deutschland bereits mit Musikphysiologie und Musikermedizin beschäftigen.
Neben den klinisch-medizinischen Aspekten sollte hier aber durchaus auch die Präsenz an musikausbildenden Institutionen, wie z. B. Musikhochschulen, Konservatorien und Musikschulen einbezogen und verbessert werden. Gerade die Prävention und Musikergesundheit spielen hier eine große Rolle.
Um dies zu verwirklichen, wurde auch beschlossen eine Fachzeitschrift herauszugeben - "Musikphysiologie und Musikermedizin" - aber auch regelmäßige Symposien, Kongresse und Workshops zu veranstalten.
Festrede zum 25-jährigen Bestehen der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin am 15. November 2019 im Rahmen des Symposiums der DGfMM 2019 in Dresden
Jochen Blum
Die Deutsche Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin trägt in ihrem Namen zweimal das Wort Musik.
Darin kommt für alle in ihr versammelten Menschen die Faszination, Begeisterung und Verehrung für etwas zum Ausdruck, was zum Schönsten des Menschseins gehört: die Musik, sei es als Interpretation der eigenen Stimme, des eigenen Musikinstrumentes – sei es, für die tief bewegte Zuhörerin oder Zuhörer.
Emotionen, für die Worte zu kurz greifen, Stimmungen, die sich jeglicher anderen Darstellungsform entziehen, können hier zum Ausdruck gebracht und von anderen perzipiert werden. Es entsteht ein inneres Band, das alle Musikliebenden verbindet.
Andererseits ist allen, die sich tiefergehend mit Musik und Musizieren beschäftigen klar, dass die heutige musikalische Kultur nicht einfach vom Himmel gefallen ist, dass neben all dem Vergnügen, welches Musizieren und Musikhören bereitet, Voraussetzungen zu erfüllen sind, die intensives Bemühen, engagiertes Streben und bisweilen auch hartes Arbeiten beinhalten.
Für diese hohe Kultur ist die herausragende, in Jahrhunderten entwickelte Instrumental- und Gesangspädagogik - so wie auch hier an der Hochschule in Dresden - die entscheidende Basis und der Garant, dass auch die junge Generation Zugang zu diesem kulturellen Schatz des Musizierens bekommt und weiter in die Zukunft tradiert, und dies auf einem außergewöhnlich hohen Niveau.
Das aus Musik und Physiologie verbundene Wort Musikphysiologie will zum Ausdruck bringen, dass wir in der DGfMM die hochgeschätzten Pädagoginnen und Pädagogen in ihrer so wertvollen Arbeit unterstützen wollen. Nicht im Sinne der Kompetition und des „Besserwissenwollens“ – sondern durch Wissen aus anderen, aber relevanten Gebieten der Physiologie, Anatomie, Biomechanik, wie auch Ergonomie, interdisziplinäre Beiträge zu leisten, die methodische und pädagogische Sachverhalte transparenter, verständlicher machen, den jeweiligen Methoden gegebenenfalls ein zusätzliches wissenschaftliches Fundament mitgeben können.
Hierfür steht in einer ganz besonderen Weise Prof. Dr. Christoph Wagner, der Gründungspräsident und das Ehrenmitglied unserer Gesellschaft, ihr Vordenker und Mentor, ohne den die Entstehung der Gesellschaft nicht denkbar gewesen wäre. Wagner konnte nach seiner wissenschaftlichen Tätigkeit am Dortmunder Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie 1974 an der Musikhochschule Hannover das erste Institut für experimentelle Musikpädagogik, dann ab 1979 das Institut für Musikphysiologie aufbauen, das auch international als Referenzzentrum eingestuft wurde. Er war auch überzeugt, dass eine solche Institution nicht einer Klinik, sondern einer Musikhochschule angeschlossen werden sollte, da dort die Persönlichkeiten zu finden sind, um die es geht und denen die Musikphysiologie in erster Linie zu dienen hat: den Musikerinnen und Musikern.
Noch heute ist diese Institution die Basis für musikphysiologische Arbeit in Deutschland und auch vielen anderen Ländern. Die Übernahme der Institutsleitung 1994 durch Prof. Dr. Eckart Altenmüller – ebenfalls langjähriger Präsident der DGfMM – gekoppelt mit dessen hoher Kompetenz im Bereich der Neurophysiologie und Neurologie und seinem unglaublichen Engagement für die Sache der Musikphysiologie ist beispiellos und viele andere Persönlichkeiten mit Provenienz aus der „Hannoveraner Schule“, wie auch Prof. Dr. Maria Schuppert, die ebenfalls als langjährige Präsidentin der DGfMM unsere Gesellschaft bis heute unglaublich gezielt und effektiv gefördert hat, unser diesjähriger Tagungspräsident Prof. Dr. Hans-Christian Jabusch, aber auch Prof. Dr. Alexander Schmidt von der Hochschule für Musik Hanns Eisler und der Charité Berlin, wie auch viele andere stehen für die Qualität, Relevanz und auch Zukunft der Musikphysiologie mit „Wagnerianischen Wurzeln“. Dies soll nicht die Verdienste und die Kompetenz all der an anderen musikphysiologischen Einrichtungen Hochengagierten verdecken, von denen hier viele versammelt sind und denen meine Bewunderung genauso gilt. Aber es sollte nochmals die tiefen Spuren beleuchten, die Christoph Wagner auch nachhaltig hinterlassen hat.
Die Entstehung der DGfMM vor 25 Jahren beinhaltet selbstverständlich viele verschiedene Faktoren, die diese Umsetzung ermöglichten, manchmal ja auch Zufälle. Wie kommt es dazu, dass ein respektabler Wissenschaftler wie Christoph Wagner und ein medizinisches Greenhorn wie ich damals zusammen an diesem Modell basteln wollten?
Vielleicht darf ich doch an dieser Stelle eine kleine Episode zum Besten geben, die mit der Gründung der DGfMM zu tun hat.
Es beginnt aus meiner Sicht im Jahre 1982. Ich lebte damals in der Stadt Siena in Italien und arbeitete dort als Geigenbauer bei dem Maestro Stelio Rossi. In Siena gab und gibt es die Accademia Musicale Chigiana, die musikalische Künstler aus aller Welt anzog, mit je nach Epoche Lehrern wie Pablo Casals und Andre Segovia. In der Meisterklasse des Komponisten Franco Donatoni war der Australier Darius Clynes aufgenommen worden und durch eine italienische Freundin vermittelt wohnte dieser in meiner Wohngemeinschaft in einem Bauerhof im Chianti. Darius schrieb dann unter anderem für mich eine Sonate für Viola und Badewanne, war ansonsten auch ein bisschen verrückt. Jedenfalls erzählte er mir von seinem Vater Manfred Clynes, Pianist, Professor für Komposition an der Universität Sydney und gleichzeitig auch Neurophysiologe in Sydney. Er versuchte unter anderem auch die neurologischen Elemente der individuellen Klavierinterpretation zu dechiffrieren. Zwei Jahre später bei Darius Hochzeit in Antwerpen lernte ich seinen Vater Prof. Clynes kennen, der gerade kurz davor war, in Lüdenscheid bei einem Symposium zu „Musik und Medizin“ zu sprechen und mich einlud, mit ihm zu kommen. Dort hielt ein für mich noch unbekannter Christoph Wagner einen faszinierenden Vortrag über seine Forschung zur Biomechanik der Musikerhand. Daraus resultierten erste Gespräche, dann Besuche bei ihm in Hannover, dann für mich die Gründung der Musikersprechstunde an der Universitätsklinik in Mainz 1988, die dann auch später neben den musikphysiologischen die musikermedizinischen Themen in der Entwicklung der DGfMM einbringen sollte.
Die Gründung der DGfMM in München 1994 wäre aber ohne die engagierte Mithilfe vieler anderer Persönlichkeiten undenkbar gewesen. Auch Dresden hat hier seinen Anteil.
An verschiedenen Musikhochschulen der DDR waren Institutionen, die sich mit Musikphysiologie und Musikermedizin auseinandersetzten, bereits fester Bestandteil. So auch in Dresden unter der Leitung unseres Gründungsmitgliedes Prof. Götz Methfessel, dessen wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeiten im Bereich der Musikermedizin durch seine zahnärztliche Praxis ergänzt wurde.
Das aus Musik und Medizin verbundene Wort Musikermedizin will zum Ausdruck bringen, dass Musikerinnen und Musiker ähnlich Sportlerinnen und Sportler, in ihrem Beruf durchaus auf Probleme stoßen können, die über reine Unpässlichkeiten oder Leistungsschwächen hinaus gehen und durch Erkrankungen in großem Konflikt mit ihrer körperlichen wie auch seelischen Leistungsfähigkeiten beim Singen oder Instrumentalspiel stehen können. Oftmals wird hier die standardbezogene medizinische Betreuung, sei es durch Ärztinnen und Ärzte, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, wie auch durch andere Personen aus Heilberufen, ähnlich wie im Sport als nicht ausreichend empfunden, da elementare Kenntnisse des Musizierens mit allen spezifischen Komponenten vermisst werden. Im Sport ist die Sportmedizin schon deutlich länger eine Selbstverständlichkeit.
Die Verwendung des Begriffes Musikermedizin im Namen der DGfMM darf nicht dahin gehend falsch verstanden werden, dass man hier einen Beruf, eine Passion und Leidenschaft pathologisieren möchte. Sicherlich ist gerade der Prävention und dem Streben nach „Musikgesundheit“ ein sehr hoher Stellenwert zuzuordnen und viele von uns sind in diesem Bereich sehr aktiv.
Aber letztlich stellen medizinische Probleme bei Musikern weiterhin eine ernstzunehmende Realität für viele Künstlerinnen und Künstler dar. Ich darf hier zwei kurze, fast schon historische Episoden zitieren, zum einen aus den Begleittexten zweier Bücher des Schriftstellers und Pianisten Hanns-Josef Ortheil, zum anderen aus einem Buch des Cellisten Gregor Piatigorsky (1903-1976).
„Die Erfindung des Lebens« ist die Geschichte eines jungen Mannes von seinen Kinderjahren bis zu seinen ersten Erfolgen als Schriftsteller. Als einziges Kind seiner Eltern, die im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach vier Söhne verloren haben, wächst er in Köln auf. Die Mutter ist stumm geworden, und auch ihr letzter Sohn lebt stumm an ihrer Seite. Nach Jahren erst kann er sich aus der Umklammerung der Familie lösen, in Rom eine Karriere als Pianist beginnen und nach deren Scheitern versuchen, mit dem Schreiben sein Glück zu machen ...“
(Hanns-Josef Ortheil – Die Erfindung des Lebens. Btb-Verlg 2011)
Hanns-Josef Ortheil ist vier Jahre alt, als er zum ersten Mal Klavierunterricht bekommt. Angeleitet von seiner Mutter, macht er rasche Fortschritte und wird an eine russische Pianistin weitergereicht. Schon bald steht der Entschluss fest, Konzertpianist zu werden und auf den großen Bühnen der Welt zu brillieren. Für den jungen Klaviereleven bedeutet das ein jahrelanges Üben von meist vielen Stunden am Tag. Kurz nach dem Abitur erhält der Zwanzigjährige ein Stipendium in Rom, wo es völlig unerwartet zu einem Zusammenbruch kommt. Der große Traum ist geplatzt ...
(Hanns-Josef Ortheil – Wie ich Klavierspielen lernte. Insel Verlag 2019)
"„...als das Konzert begann, war mein rechter Daumen rot und geschwollen, und ich war kaum imstande, den Bogen zu halten. Jedoch ich spielte. Verzweifelt bemühte ich mich, den Bogen nicht fallen zu lassen. Ich hielt ihn mit der Faust, und so brachte ich den ersten Satz des Dvorak-Konzertes zu Ende.
Wir begannen das Adagio. Der Schmerz wurde unerträglich, und ich konnte vor dem Schluss des schönen Satzes die Tränen nicht mehr zurückhalten – sie liefen mir über die Wangen.
Es dauerte ungewöhnlich lange bis zum Finale. Und war es ein Wunder?
Nach einer so rührenden Aufführung weinten viele mit mir zusammen. Es war ein `Triumph´, dessen Nachklänge mir noch lange, nachdem der Arzt den Gipsverband von meinem Daumen abgenommen hatte, zu Ohren kam.“
(Gregor Piatigorsky: Mein Cello und ich und unsere Begegnungen. Rowohlt Verlag – 1968)
Ich glaube, dass in beiden Fällen die spezifische musikermedizinische Behandlung deutliche Hilfestellung hätte leisten und vielleicht sogar manche Karriereaufgabe hätte verhindern können. Natürlich dürfen wir uns auch nicht überschätzen, denn immer wieder gibt es auch medizinische Probleme bei Musikern, die auch Musikermediziner/innen nicht lösen können.
Umso mehr ist eines unser Anliegen als DGfMM, auch hier sowohl im wissenschaftlichen wie auch praktischen Umfeld fördernd und verbessernd wirksam zu sein.
Von Seiten der DGfMM sollte dieses Engagement allerdings nicht eine rein deutsche Angelegenheit sein, sondern bewusst den Kontakt und Austausch zu den Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland und deren Fachgesellschaften pflegen.
Ganz besonders freue ich mich über die in den letzten Jahren gewachsene freundschaftliche Verbindung zur Tamed und deren Mitglieder im Bereich der Tanzmedizin und begrüße auch deren Teilnahme bei unserem Symposium.
Allerdings sind diese einzelnen Module, aus denen sich die DGfMM in ihrem heutigen Format zusammensetzt, nicht ohne die engagierte und freundschaftliche Zusammenarbeit des gesamten Vorstandes, aber besonders auch aller Mitglieder der DGfMM und den guten Geistern des DGfMM-Sekretariates, wie auch unsere Freundinnen, Freunde und Förderer ausserhalb der Gesellschaft denkbar. Ihnen allen gilt auch bei dieser Rückschau auf 25 Jahre DGfMM mein allerherzlichster Dank!